Von cholerisch bis phlegmatisch – auf den Saft kommt es an

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Ein Gastbeitrag von Birthe Bode

Wer kennt das nicht? Menschen, die heiter durchs Leben gehen, während andere zu Selbstzweifeln und Trübsinn tendieren. Wieder andere fahren bei der kleinsten Sache aus der Haut oder gehen Konflikten aus dem Weg oder sind nur schwer für irgendwas zu begeistern. Jeder Charakter ist unterschiedlich und jeder von uns besitzt ein anderes Temperament. Doch warum ist das so und wie werden die Temperamente definiert?

Von Unbekannt – Luttrell Psalter. England 1340. London Britisches Museum Add. Ms. 42130, Gemeinfrei.

Diese Fragen beschäftigen schon die Mediziner des antiken Griechenlands. Die mehr als 60 Schriften des Corpus Hippocraticum – benannt nach dem Arzt Hippokrates von Kos (um 460 v. Chr. – um 370 v. Chr.) – umfassen zahlreiche Themenfelder der wissenschaftlichen Medizin und bieten eine Einführung für Ärzte und Laien. So herrschte die Vorstellung, dass im menschlichen Körper Säfte enthalten sind, die die Verfassung und den Gesundheitszustand beeinflussen. Die Schriften enthalten somit erste Ansätze der antiken Humoralpathologie, die ca. 500 Jahre später von Galenos von Pergamon systematisch niedergeschrieben und zusammengefasst wurden.

Humoralpathologie – was ist das?

Humoralpathologie hat nichts mit Humor im herkömmlichen Sinne zu tun, sondern ist eine antike medizinische Vorstellung über den Ursprung von Krankheiten. Das Wort Humor leitet sich vom sich griechisch-lateinischem humor ab: „Feuchtigkeit“, Körpersaft“, „Leibessaft“. Grundlage der Humoralpathologie ist die Vier-Säfte-Lehre. So wurden gelbe Galle, schwarze Galle, Blut und Schleim als Lebensträger im Körper vermutet.

Krankheit durch Unausgewogenheit

Nach antiker Auffassung beinhaltete Gesundheit eine Ausgewogenheit der Säfte im Körper (Eukrasie). Bestand allerdings eine angebliche Unausgewogenheit (Dyskrasie), konnte dies zu Krankheiten führen. Demnach rief ein Mehr, ein Zuviel oder ein Verunreinigen der Säfte ein Ungleichgewicht hervor. Um den Ausgleich wieder herzustellen, wurden für die Behandlung Diätetik, Arzneimittel und Eingriffe wie der Aderlass eingesetzt.

Was hat der Saft mit dem Temperament zu tun?

Galenos von Pergamon ordnete den vier Körpersäften je ein Temperament zu. Er verknüpfte damit die Vier-Säfte-Lehre mit der Temperamentenlehre. Die Vorherrschaft einer der Säfte ist nach Galenos ausschlaggebend für das damit verbundene Temperament, den menschlichen Charakter:

  • Blut (lat. sanguis): Sanguiniker – heiter, aktiv
  • Schleim: (gr. Phlégma): Phlegmatiker – passiv, schwerfällig
  • Schwarze Galle: (gr. mélaina cholē): Melancholiker – traurig, nachdenklich
  • Gelbe Galle: (gr. cholē): Choleriker – reizbar und erregbar

Bedeutung der Humoralpathologie

Der Glaube an die Ausgewogenheit der Säfte hielt etwa 2000 Jahre an und beeinflusste die medizinische Behandlung somit maßgeblich. Insbesondere erst nach Paracelsus (1493 – 1541) und seiner Kritik an der Humoralpathologie verlor diese zunehmend an Bedeutung. Sie wurde durch die Einführung der Zellularpathologie im 19. Jhd. abgelöst. Insbesondere in der Alternativmedizin wird jedoch noch immer auf Teile der Humoralpathologie, wie beispielsweise der Temperamentenlehre, Bezug genommen.

 

Zum Weiterlesen:

Harald Derschka: Die Viersäftelehre als Persönlichkeitstheorie. Zur Weiterentwicklung eines antiken Konzepts im 12. Jahrhundert. Neue Ausgabe. Thorbecke, Ostfildern 2013.

Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl (Hrsg.): Kräuterbuch der Klostermedizin. Reprint-Verlag Leipzig, Holzminden 2003.

Erich Schöner: Das Viererschema in der antiken Humoralpathologie (= Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Beiheft 4. Steiner, Wiesbaden 1964, (Zugleich: Kiel, Universität, Dissertation, 1964).

Rudolph E. Siegel: Galen’s System of Physiology and Medicine. An Analysis of his Doctrines and Observations on Bloodflow, Respiration, Humors and Internal Diseases. Karger, Basel u. a. 1968.

 

 

 

 

 

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