Hexengebräu, bittere Medizin oder doch nur ein Zufall? Arzneipflanzen in historischen Epochen

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Ein Beitrag von Simone Kahlow

Schimmelpilze, Mädesüß und Augentrost. Was so mystisch klingt, ist kein Hexenwerk. Es handelt sich hierbei um Ingredienzien, die wir seit Jahrtausenden bei Krankheiten einnehmen – ganz ohne spirituelle Hintergedanken. In diesem Beitrag ist zu erfahren, ab wann womöglich erstmalig Heilpflanzen zur Gesundheitsförderung genutzt wurden, um welche es sich dabei handelt und wie wir Archäologen diese nachweisen können.

 

Oberkieferfragment eines Neandertalers
Oberkieferfragment des Neandertalers von El Sidron, Spanien
(Foto: Paleoanthropology Group MNCN-CSIC9)

In den letzten Wochen ging eine aufregende Nachricht durch die Wissenschaftslandschaft. Im Fokus stand der Oberkiefer eines Neandertalers, der in Spanien gefunden wurde.[1] Vor mehr als 40.000 Jahren litt dieses Individuum unter einem schmerzhaften Zahnabszess und Eingeweideparasiten. Mehr noch, seine Zähne waren bedeckt mit Plaque. Was in der heutigen Zivilisation so schnell wie möglich vom Zahnarzt entfernt werden sollte, ist für Archäologen eine Fundgrube an Informationen. Demnach belegt etwa die in der Plaque hinterlassene DNA: Unsere nächsten ausgestorbenen Verwandten nahmen Schmerzmittel und Antibiotika ein.

Fragen, Fragen, Fragen

Schmerzmittel und Antibiotika vor über 40.000 Jahren? Festgestellt am Zahnstein? Und wie passt die DNA da rein?
Zahnbelag beinhaltet eine unglaubliche Informationsmenge über Nahrungsgewohnheiten und Krankheiten des Trägers. Plaque besteht aus mehreren Schichten und enthält unter anderem Eiweiße, Kohlenhydrate, Phosphate sowie die DNA von Mikroorganismen und Keimen aus dem Verdauungstrakt und den Atemwegen. Die DNA enthält Erbinformationen, die jedem Lebewesen und Virentypus eigen sind. Im Fall des untersuchten Neandertalers gehörten dazu Spuren von Schimmelpilzen und Pappel (Populus trichocarpa). Diese Belege werden von den Forschern unter Vorbehalt als Arzneimittel interpretiert. Pappel etwa enthält Salicylsäure. Diese wirkt krampflösend, entzündungshemmend und antibakteriell. Die nachgewiesenen Schimmelpilze können zufällig eingenommen worden sein oder als natürliche Antibiotika – 40.000 Jahre vor der ersten wissenschaftliche Beschreibung im Jahr 1928.

Archäologen und die Frage nach dem „wofür“?

Es ist ungewiss, ob der Neandertaler bewusst Schimmelpilze und Pappelsubstanzen aß, um sich medizinisch zu versorgen. Und Archäologen fällt es generell schwer, Überreste von Pflanzen und Pilzen sicher als Nahrungsmittel, Heilmittel oder Abfallprodukt zu interpretieren.
Ein weiteres Beispiel. Im Grab einer jungen Frau, die vor etwa 4100 Jahren im heutigen Schottland verstarb, wurde ein Gefäß aufgefunden, in dem sich Pollen von Pflanzen befanden, die in der Gegenwart als Heilpflanzen bekannt sind: Johanniskraut und Mädesüß.[2] Johanniskraut (Hypericum perforatum) wird bei Nervosität und leichten Depressionen angewendet. Mädesüß (Filipendula ulmaria) hat eine Wirkung, die von Neandertaler-Fall bekannt ist. Auch aus den Blütenknospen dieser Pflanze kann der entzündungshemmende Wirkstoff Salicylsäure gewonnen werden. Tatsächlich wurden Johanniskraut und Mädesüß in verschiedenen Gräbern der Bronzezeit nachgewiesen. Wie im Fall des Neandertalers bleibt somit zu fragen: Welche Bedeutung kam diesen Pflanzen zu? Wurden sie als Heilmittel eingesetzt? Oder dienten sie womöglich einfach der Nahrungsaufnahme. Vor diesem Hintergrund ist es nicht unbedeutend, dass die Blüten der Mädesüßpflanze einen angenehmen süßlich-herben Geschmack verbreiten und mitunter noch heute in Speisen und Tees verwendet werden.

Krankeneinrichtungen mit oder ohne Heilpflanzen?

Es ist also schwierig, den wahren Grund für den Verzerr von einzelnen Pflanzen zu bestimmen. Dieses Interpretationsproblem zieht sich selbst in historischen Einrichtungen fort, in denen kranke Menschen aufgenommen und gepflegt wurden. Mittelalterliche Klöster und Hospitäler etwa wurden schon mehrfach archäologisch untersucht. Insbesondere aus den Latrinen stammen archäobotanische Überreste. Durch Schriftquellen ist überliefert, dass viele dieser Pflanzen als Arzneimittel verwendet wurden. Aus St. Mary Spital in London, einem von Augustinermönchen geführten Hospital, stammen Nesselkraut, vielleicht zur Behandlung von Quetschungen, Ringelblumenblätter, möglicherweise zur Linderung von Hautkrankheiten und Zahnschmerzen, sowie Schlafmohn.[3] Schlafmohn und Bilsenkraut, die unter anderem als Anästhetikum dienten, sind auch aus dem Heilig-Geist-Hospital im schweizerischen Stein am Rhein bekannt, ebenso wie Kornrade und Schwarzer Nachtschatten.[4] Eine ähnliche Auflistung gelingt für das Hospital im bayerischen Bad Windsheim. Dessen Latrine enthielt Pflanzenreste von Hagebutte, Wacholder, Augentrost und Koriander.[5]

Wie zu sehen ist, mischen sich Kräuter und Heilpflanzen in den Latrinen auffallend häufig. Beide Typen wurden sowohl zur Herstellung von Speisen als auch als Arzneimittel beziehungsweise Krankenkost verwendet. Wie soll da entschieden werden, ob die geborgenen Pflanzen als Medizin eingesetzt wurden? Schwierig. Am einfachsten gelingen Aussagen zu Pflanzen, die definitiv nicht als Bereicherung des Nahrungsangebots gesehen werden können. Augentrost etwa verfügt über keinen angenehmen Geschmack, stattdessen wird er etwa heute bei Augenentzündungen, Halsschmerzen und Husten verwendet. Und die Beeren des Nachtschattens? Die sind sogar giftig, als Arznei jedoch vielseitig einsetzbar.

Nahrung und Arznei sind nicht die einzigen Verwendungsmöglichkeiten. Es ist banal, aber auch Archäologen müssen sich manchmal eingestehen: Nicht jedem Pflanzenfund kam in historischer Zeit eine Bedeutung zu. So manches Gewächs dürfte einfach zwischen bewusst gesammelte Kräuter und Heilpflanzen geraten sein. Sie wurde aussortiert und landete letztendlich mit anderem Abfall in der Latrine.

Quellen:
[1] https://www.sciencedaily.com/releases/2017/03/170308131218.htm (14.03.2017)
[2] http://www.bbc.co.uk/news/uk-scotland-highlands-islands-39191527 (14.03.2017)
[3] B. Connell – A. G. Jones – R. Redfern – D. Walker (Hrsg.), A bioarchaeological study of medieval burials on the site of St Mary Spital. Excavations at Spitalfields Market, London E1, 1991-2007, MoLAS monograph 60 (London 2012).
[4] C. Brombacher – M. Klee, Archäobotanische Reste, in: K. Bänteli (Hrsg.), Das Bürgerasyl in Stein am Rhein. Geschichte eines mittelalterlichen Spitals, Schaffhauser Archäologie 7 (Schaffhausen 2006) 151–161, hier 157.
[5] H.-J. Gregor, Mittelalterliche Pflanzenreste von Bad WIndsheim, in: W. Janssen (Hrsg.), Der Windsheimer Spitalfund aus der Zeit um 1500. Ein Dokument reichsstädtischer Kulturgeschichte des Reformationszeitalters, Wissenschaftliche Beibände zum Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 11 (Nürnberg 1995) 123–134.

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